Die Ünnerirdischen und die Superidee

Die Ünnerirdischen und die Superidee

Vor ein paar Tagen war ich wieder mal in der Stadt, auf der Suche nach einem Geschenk. Ich fand natürlich nichts. Die mittlerweile durchgängig weihnachtliche Ausschmückung der Geschäfte und die drohende Nähe des Weihnachtsfestes machten meine Laune nicht besser. Da ich hungrig war, setzte ich mich an den Grillstand und aß eine leckere Bratwurst. Ich betrachtete in Gedanken versunken den Marktplatz. In meine Gedankengänge drang ein eindeutiges Schmatzen, dann Schlürfen und ein tiefer Rülpser. Wer tut denn so was? Unangenehm berührt sah ich mich um. Nichts. Niemand da. Ich drehte mich nach allen Seiten, aber ich war allein auf der Sitzbank , die um die Linde herumführte. Allein mit meiner Bratwurst, meinen Gedanken und dem unangenehm kalten Wind. In wenigen Tagen öffnete der Weihnachtsmarkt.
Der Tannenbaum stand schon.
Als ich von meiner Bratwurst abbeißen wollte, war sie weg. Zurück blieb nur das Brötchen. Diese frechen Tauben. Nicht nur auf die Fischbrötchen am Hafen haben die es abgesehen, jetzt gehen die auch auf Bratwürste. Ich musste wohl laut gesprochen haben, denn neben mir hörte ich ein leises Kichern.
Das kam mir sehr bekannt vor: „Sag mal Theobald, hast du mir die Wurst aus dem Brötchen genommen?“, fragte ich auf`s Geratewohl.
Ein grunzendes Lachen ertönte: „Bevor die kalt wird, habe ich sie gegessen. Du hast ja nicht mehr abgebissen“, entschuldigte sich eine Stimme, nuschelnd und offenbar mit vollem Mund.
Also doch. Meine Ünnerirdischen gab es noch. Ich hatte manchmal an sie gedacht, weil ich lange nichts von ihnen gehört hatte. Das letzte Mal war auf dem Weihnachtsmarkt im letzten Jahr. Da hatten sie die Elektrik der Standbesitzer lahmgelegt. Nun stahlen sie Bratwurst. Ich seufzte vernehmlich auf.
Auf einmal saß die kleine Matilda neben mir und sah mich freundlich an: „Du darfst meinem Vater nicht böse sein. Er stielt nur gelegentlich Leuten die Wurst. Eigentlich nimmt er sie gleich vom Grill, das schadet doch niemand…“
„Das schadet niemand? Ihr nehmt Bratwürste und bezahlt nicht. Natürlich schadet ihr damit dem Mann, dem der Stand gehört“, reagierte ich ungehalten.
„Aber wenn du schon mal da bist“, sagte kleinlaut Matilda. „Ich wollte dich suchen gehen… weil wir dich brauchen. Wir wollen Geld verdienen. Du siehst ja, es ist wird immer schwieriger was Essbares zu finden. In unserer neuen Wohnung gibt es nicht viel. Die Leute kaufen nicht mehr auf Vorrat und wenn, dann wird es in die Tiefkühltruhe gesteckt. Und das kalte Zeug schmeckt nicht. Äpfel gab es in diesem Jahr nicht so viele, die sind aufgegessen und Kartoffeln … wer isst denn heute noch Kartoffeln. Ich habe das Gefühl, dass sich alle nur von Nudeln, Reis oder Pommes ernähren.“ Matilda schaute traurig. Deshalb wollten wir dich sprechen. Wir möchten einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt haben, und dort was verkaufen, Geld verdienen und dann zum Beispiel für die Bratwurst Geld hinlegen.“
„Das ist prinzipiell eine gute Idee“, dachte ich. „Aber wie soll das Gehen, die Ünnerirdischen sind doch für die Menschen meist unsichtbar und vor allem, was wollen die Kleinen überhaupt verkaufen.“
Als wenn Matilda meine Gedanken erraten hätte.
„Wir wollen Gartenzwerge verkaufen“, erklärte sie lebhaft. „Viele Leute mögen kleine, niedliche Gartenzwerge. Bloß,… du müsstest den Stand mieten und dann verkaufen. Wir können das nicht.“ Auf einmal sitzt Theobald neben mir und sieht mich erwartungsvoll an.
Hmmm,…das könnte ich machen, überlegte ich und fand die Idee gar nicht so schlecht. Meine beiden kleinen Ünnerirdischen frohlockten und nickten fleißig. „Und? Machen wir das?“
In dem Moment kam mir ein Gedanke. „Und woher nehmt ihr die Gartenzwerge? Die müsstet ihr doch erst einmal erwerben. Soll ich das tun oder wollt ihr die jemandem wegnehmen?“
„Nein, natürlich nicht. Was denkst du denn von uns.“ Theobald ist echt beleidigt. Er holte tief Luft und erklärte langsam: „Ja, wie soll ich das sagen… wir müssen uns überwinden,… wir werden uns den Menschen zeigen. Wir werden sichtbar. Alle.“
Ich verstehe immer noch nicht. „Und dann???“
„Dann stellen wir uns als Gartenzwerge zum Verkauf. Wir werden ganz ruhig, wie erstarrt, stehen. Das merkt kein Mensch. Alle werden uns für echte Gartenzwerge halten. Du wirst sehen, die werden begeistert sein und uns kaufen. Und damit verdienen wir dann viel, viel Geld und unsere Sorgen haben ein Ende.“ Theobald schaute mich euphorisch an.
Ich war platt: „Ihr wollt euch trennen, aufgeben und dann bei den Menschen im Vorgarten stehen. Kein eigenes Leben mehr führen?“
Theobald schüttelte verschmitzt den Kopf: „Nein, so doch nicht. Erst kann sich jeder nachts in dem Garten, wo der Mensch, der ihn gekauft hat, wohnt, umschauen und Essbares verwerten, und dann, wenn der Weihnachtsmarkt vorbei ist, werden wir alle schlagartig wieder unsichtbar und verschwinden spurlos. Dann sind wir einfach weg. Das ist doch die Superidee!“

Christine Fiedler

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