Im Griff der Finsternis

Im Griff der Finsternis

War es die Faszination der Tropfsteingebilde, der Stalaktiten, die von der Höhlendecke herabhingen oder der Stalagmiten, die märchenhafte „Gebäude“ und gar kleine Städte gebildet hatten oder war es nur Unaufmerksamkeit, die mich von der Gruppe, die durch diese Höhle geführt wurde, getrennt hatte? Plötzlich nahm ich wahr, dass ich allein zurückgeblieben war. Nun hieß es schnell wieder aufzuschließen. Gerade als ich meinen Blick von den Wundern der Kalksteingebilde löste, erloschen die Lämpchen, die an der Höhlendecke installiert waren. Sofort kroch eine kalte Welle von den Fußspitzen bis zum Kopf durch meinen Körper und ich stand wie erstarrt in der Finsternis. Das kann doch nicht sein, dass man mich hier zurücklässt? Irgendjemand musste doch kommen und mich abholen. Ich spürte, wie sich mein Gesicht mit Schweiß überzog, als ich angespannt nach Schritten lauschte. Um meine Angst nicht zu zeigen, rief ich fragend: „Hallo?“ Steif und verkrampft starrte ich in die Dunkelheit und lauschte: Kein Echo war zu hören. Nun hielt ich mich nicht mehr zurück und rief mehrmals laut: „Hallo! Hallo! Hört mich Jemand?“ Deutlich spürte ich, wie die Angst in meiner Stimme  mitschwang. Totenstille umgab mich, nur mein Herzschlag schien immer lauter zu wummern. Dann schoss mir der Gedanke ein. Du hast doch ein Handy bei dir! Eine Welle der Erleichterung zog durch meinen Körper. Nun wird alles wieder gut werden.

Ich klappte das Handy auf und starrte auf das schwach beleuchtete Display. Welche Nummer rufe ich denn nun an? Egal! Ich nehme einfach die 110, die wissen schon wie sie mir helfen können. Mit zittrigen Fingern drückte ich die Nummer und hielt den Hörer ans Ohr. Nichts,  kein Rufzeichen erklang. Kälte kroch meinen Körper hinauf. Völlig entmutigt ließ ich das Gerät sinken. Ah, schoss es mir in den Kopf, jetzt konnte ich doch wenigstens die kleine Taschenlampe anschalten und das ließ mein Herz etwas ruhiger schlagen. Sogleich war ich enttäuscht, denn das winzige Licht erhellte nur spärlich das Umfeld. Das Beste wird sein, dachte ich mir, wenn ich den Weg vor meinen Füßen beleuchte. Vorsichtig setzte ich Schritt vor Schritt, darauf bedacht, auf dem feuchten, glatten Weg zu bleiben. RUMMS. Schon stieß ich mir den Kopf an einem Hindernis. Gebückt, mit der einen Hand hin und her tastend, ging ich wachsam weiter. Jetzt schöpfte ich Hoffnung, dass ich den Weg hinaus finden könnte. Ein Felsenkeil spaltete den Weg in einen linken und einen rechten Abzweig. Just in diesem Moment wurde mein Lämpchen schwächer.

Nach wenigen Minuten griff die Finsternis wieder nach mir. Langsam, die Füße immer weit nach vorn gestreckt, tastete ich mich bis zu dem Felsen vor und entschied mich für die rechte Seite. Erneut stieß ich mit dem Kopf unsanft gegen einen Felsen und blieb verzagt stehen. Vor meinen Augen sah ich Bilder von Höhlenforschern, die steckengeblieben waren oder Menschen, die tagelang in der Dunkelheit umherirrten. Was sollte ich nur machen? Die innere Verzweiflung ließ mich nicht mehr klar denken. In diesem Moment spürte ich mehrere Luftzüge über meinem Kopf. Zunächst erschrak ich. Dann begriff ich, das mussten doch Fledermäuse sein! Mit tastenden Händen und Füßen ging ich vorwärts, den Geräuschen der Fledermäuse nach. Ich stieß  mit dem Schienbein irgendwo gegen und meine tastende Hand erfasste eine Holzbank. Vor Glück atmete ich auf, denn nun ahnte ich, wo ich war. Dies konnte nur der sogenannte „Große Saal“ sein, der uns beim Hineingehen gezeigt worden war. Ich musste nur ergründen, ob ich links oder rechts der Bankreihen war, denn auf der einen Seite befand sich ein Gewässer, in dem man uns Höhlenolme gezeigt hatte. Da wollte ich natürlich nicht hineingeraten. Nun tastete ich mich an den Bankreihen entlang. Bald war ein Luftzug zu spüren, welcher nur von einer Öffnung hereinwehen konnte. Mein Herz raste wie toll, aber nun gar nicht mehr schmerzhaft. Da! Was blinkte dort in der Ferne? Ein Stern am dunklen Nachthimmel! Nein viele Sterne blinkten und zwinkerten mir zu.

Plötzlich blendete ein Taschenlampenstrahl meine Augen. Eine tiefe Stimme sagte grollend: „ Wo bleiben sie denn, wir warten hier schon zwanzig Minuten.“  „Was, nur zwanzig Minuten?“ stammelte ich. „Das Licht war plötzlich aus!“ entgegnete ich, „Ich musste mich in völliger Dunkelheit bis hier durchkämpfen! Wissen sie wie schrecklich das war?“ „Ach herrje, hab ich wohl ausversehen das Höhlenlicht ausgeschaltet, entschuldigen sie bitte,“ knurrte die Stimme. Zwanzig Minuten. Ich konnte es nicht fassen! War mir doch, als hätte ich Stunden in dieser fürchterlichen Finsternis verbracht.

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